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14. Juli 2018  

Bizim Heimat

Bizim Heimat

Solidarische Strukturen entstehen nicht, wo niemand bleiben will. Kommentar

Es war sicher gut gemeint. Da wollten Intellektuelle, die sich zum »dissidenten Drittel« zählen, eine Brandmauer gegen Nationalismus errichten und sich an die Seite Geflüchteter stellen, die in Deutschland eine neue – nein, bloß nicht das H-Wort – suchen. Aber es reichte nicht, auf das häufig missbrauchte Wort zu verzichten, es sollte auch gleich hinter die Brandmauer verbannt werden. »Solidarität statt Heimat« steht über dem Aufruf gegen Rassismus, Nationalismus und Abschottung, den das Institut Solidarische Moderne (ISM), die Hilfsorganisation Medico International und das Netzwerk für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung, Kritnet, vergangene Woche veröffentlicht haben.

Heimat ist demnach ein Synonym für Ausgrenzung im und durch den Nationalstaat; für das durch Abstammung, Blut und Boden definierte »Vaterland«. Etwa so wollen es die AfD, das Innen- und »Heimatministerium« in CSU-Hand und der rechte Mob auch verstanden wissen. So verstehen es aber weder alle Linken, noch alle Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund, noch alle »solidarischen Milieus«, die der Aufruf gegen rechte Hetze verteidigen soll.

Wer Solidarität und Heimat gegeneinander stellt, vergisst zum Beispiel, dass deutsch-migrantische Initiativen, die sich gegen die Verdrängung ärmerer Mieter und kleiner Familienbetriebe einsetzen, von ihrem Viertel als Heimat sprechen. Ganz zu schweigen vom H-Wort in alten Liedern der antifaschistischen Arbeiterbewegung – die Unterzeichner aus den Reihen der Grünen oder Aiman Mazyek von Zentralrat der Muslime zwar nicht kennen müssen, Linksparteichef Bernd Riexinger aber schon. Anders als die Genannten haben die Vorsitzenden der linken Migrantenverbände DIDF (Föderation Demokratischer Arbeitervereine aus der Türkei) und Nav-Dem (Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Deutschland) den Aufruf bisher nicht unterschrieben.

Solidarische Strukturen entstehen in der Regel da, wo Menschen bleiben und etwas verbessern wollen – nicht an Orten, die sie hassen. Und: In deutschen Großstadtkiezen ist Heimat längst multiethnisch. Das hat die Berliner Mietergemeinschaft am Kottbusser Tor, kurz »Kotti & Co.« demonstriert, als sie mit dem Slogan »Wir sind Kreuzberg« in zwei Sprachen auf die Straße ging. »Kreuzberg biziz« hieß es auf Türkisch, da dies eine große Gruppe von Eingewanderten spricht, die den Stadtteil mitgeprägt haben. Für den Erhalt des »Bizim Bakkal« (»Unser Lebensmittelgeschäft«) kämpften Anwohnerinnen und Anwohner 2015 und 2016 monatelang, bevor der Laden nach fast 30 Jahren dichtmachen musste. Er sei »ein Treffpunkt für alle, die das Viertel ihre Heimat nennen«, hieß es in einer Versammlungseinladung der Nachbarschaftsinitiative »Bizim Kiez« im Sommer 2015. »Der Laden speist einen wesentlichen Teil des Wir-Gefühls hier im Kiez und deshalb geht es hier beispielhaft ums Grundsätzliche.«

Widerstandskämpfer gegen das Naziregime wollten das Wort »Heimat« auch im Konzentrationslager nicht ihren Feinden überlassen. So hieß es im »Moorsoldatenlied«, das von deutschsprachigen KZ-Häftlingen gedichtet wurde: »Morgens ziehen die Kolonnen in das Moor zur Arbeit hin. Graben bei dem Brand der Sonne, doch zur Heimat steht der Sinn.« Gemeint war hier wohl eher ihre vertraute Umgebung als die Nation. »Einmal werden froh wir sagen: Heimat, du bist wieder mein« bezog sich zum Schluss auf ein besseres Deutschland. Vielleicht eines mit proletarisch-multikulturellen Großstadtkiezen und bezahlbaren Mieten.

Auch Lieder deutscher Internationalisten im Spanischen Bürgerkrieg bezogen sich auf eine Heimat, die den Nazis wieder abgetrotzt werden sollte: »Die Heimat ist weit, so weit, doch wir sind bereit. Wir kämpfen und siegen für dich, Freiheit!«

Schon wieder ein häufig missbrauchtes Wort. Wirtschaftsliberale propagieren damit das unternehmerische Recht des Stärkeren; die CDU trat 1976 mit der Parole »Freiheit statt Sozialismus« zur Bundestagswahl an. Sollte denen das F-Wort überlassen werden? – Ein linker Blog nannte sich später »Freiheit durch Sozialismus«.

Claudia Wangerin

jW vom 27.6.2018

 

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